Elias Bohun ‚train travellte‘ per Zug nach Hanoi und gründete dann Traivelling.

 

Ich habe vor ca. einem Jahr die Zug-Buchungsseite Traivelling.com gegründet, mit der ich weltweite Zugreisen ermögliche. Ausschlaggebend dafür war meine persönliche Zugreise nach Vietnam, über die ich erzählen möchte.

Also, wir (meine damalige Freundin und ich) sind im Juli losgefahren und waren uns zu dem Zeitpunkt nicht sicher, ob das funktioniert. Von Wien ging es über Warschau nach Riga, dann nach Moskau, Nur-Sultan, Almaty, Urumqui und über Nanning nach Hanoi. Im Internet viel falsche Info, einige Tickets, einige Reservierungen nur am Weg zu buchen, vor Ort, in Kasachstan, China, Vietnam. Ohne Ticket aber kein Visum. Deshalb „Bist deppat, mit dem Zug nach Vietnam? Des wird nix.“ Hahah, ich glaub schon, hab ich mir gedacht und Menschen gefunden, die mir die Tickets vor Ort hinterlegen haben. Dann sind wir losgefahren nach Warschau. Zentraleuropa: eher langweilig (eh ok, aber was danach kam war cooler). Also schnell: von Warschau mit dem Bus nach Riga, wir saßen ganz oben vorne und die Fahrt wurde zu einer der entspanntesten meines Lebens, und dann wurde es schon interessant. Haben gespart, und für ein paar Euro in einem recht versifften Hotel geschlafen.

Von Riga gibt es (langsame) (wunderbare) Schnellbahnen, die einen ans Meer bringen. Sehr sehr schön, es gibt 10 S-Bahnstationen am Meer entlang, der blonde Strand zieht sich daneben her. 10 S-Bahnstationen lang!

Zurück in der Stadt wollten wir dann entweder zurück ans Meer in die eine Richtung (S-Bahn) oder in die andere (Vietnam). Wir entschieden uns fürs Zweite und sagten dem welligen Wasser Europas adieu.

Bonjour russische Schaffnerin, ein Chor reiste mit uns zurück über Nacht nach Moskau. Schöne Gesänge, haben uns die ganze Nacht wachgehalten. Dann schnell durch Moskau, das auf mich den Eindruck einer Stadt der Reichen erweckt. Alles schillert, alles ist aber auch irgendwie fake.

Als wir in den Zug nach Kasachstan stiegen, konnten wir mehr den Kontrast als die Ähnlichkeit wahrnehmen, riechen, sehen und spüren. Schönes altes Leder, Holz und dreckige Scheiben. Was fehlte noch? Der Tee, der uns ab dann begleitete. Die Menschen hier lieben Tee genauso sehr wie jene in den nächsten Ländern und deswegen findet man in all diesen Gegenden Wasserkocher in jedem Wagon.

In Kasachstan durften wir die interessantesten Begegnungen machen, die mich auf besondere Weise beeindruckten.

Da kommt es zu solchen Situationen: Im Speisewagen trinkt man ein Bier, es kommen Russen und man spielt Spiele und versteht voneinander kein Wort. Leicht, und lustig. Sehr abstrakt, wenn man den andern einfach mal als Menschen vor sich hat, der sich unbedingt unterhalten will und man will auch unbedingt und es geht nicht. Es gibt auf jeden Fall viel zu lachen. Und dann passiert es: der Kellner kommt an den Tisch, nach einem Bier bittet er mich aufzustehen. Man will das goldene Mikrofon, das unter mir begraben liegt.

Und dann hat er gesungen. Und es war ein Klangsalat, der gerade richtig gewürzt war, es hat alles gepasst. Der Halleffekt des Mikros, das Gold, der alte Mann und vermutlich seine Lebenserfahrung. Voll Inbrunst zeichnete er Bilder, die man nicht verstand aber fühlen konnte. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Dann kam die Grenze. Alle mussten in ihre Abteile zurück.

Zugegeben, die 2. Hälfte der Zugfahrt nach Astana war dann nicht mehr so spannend. Astana dafür umso mehr. Wie ein extremeres Moskau – so glitzernde Hochhäuser  – eine Stadt ohne Slums, eine Stadt, in der es den meisten gut geht??

(Hard fact zur Steppe: sehr geringe Bevölkerungsdichte = sehr viel Grasland)

Wir sind eigentlich schon am Nachmittag losgefahren, und deswegen konnten wir auch ein paar wilde Pferde beobachten. Ich werde es nie vergessen und ich wünsche jeder, dass sie das mal sieht. Das Gefühl von Freiheit war zum Greifen nahe (50 Meter von uns entfernt).

Und dann wird das erhebende Gefühl der Losgelöstheit einmal mehr an einer Grenze zerstört. In China sind wir zu Mittag angekommen und mussten am Bahnhof warten, bis die Räder der Züge gewechselt waren. Skurril? Ja, es gibt da noch immer 2 Spurbreiten.

China ist einfach ganz, ganz anders als Kasachstan gewesen. Man wird des Öfteren durchsucht und immer überwacht, aber dafür ist das Essen richtig gut. Nudeln mit irgendwas, und es ist immer lecker.

Wir suchen und finden den Kontrast und die Ähnlichkeit beim Traiveln, Erlebnisse, die uns innerlich wachsen lassen, verändern und hoffentlich entwickeln.

Wenn wir uns jetzt erinnern, kommen die Kopfkinobilder wieder, verbunden mit dem Soundtrack des Zuges, dem Schlagen, dem Rumpeln, dem Zischen, den Lauten der Sprache, den Sprachfetzen, dem Lachen und Schreien. Wir erinnern die chinesischen Babys im Zug neben uns, ohne Windeln, aber mit Poposchlitzen, die überall ….. Wir erinnern die Kamele in Kasachstan, die russischen Mitfahrer, die von österreichischen Waffen schwärmen. Das war mitunter auch lustig und sicher oft klischeehaft. Es zeigt aber einmal mehr, dass man beim Zugfahren anderen Menschen sehr nah ist, viel mitbekommen, sehen und beobachten kann.

Gefühlt ist die Welt geschrumpft, man hat ja ein Drittel von Ihr gestreichelt, und dann ist man da. Und so lange war es ja nicht, aber ein Drittel der Welt? Das war‘s und nicht mehr? Das war‘s und nicht mehr…

In Vietnam hatten wir dann das größte Abenteuer schon hinter uns. Für alle anderen, die mit dem Flugzeug kamen, begann ein Pseudoabenteuer in einer Blase aus Hostels voller Europäer_innen.

Für die Rückreise also alles nochmal, nur in Reverse? Nein, da gibt es schon verschiedene Zug-Routen, aber das ist eine andere Geschichte…

Traivelling - Bohun 

Autor: © M. Bohun
FotoCredits Foto: © pixabay.com, © traivelling.com

  Traivelling e.U. – Mag. Matthias Bohun

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Beruf & UmweltMobilitätVon Wien nach Vietnam mit dem Zug