Soll man dem Leben mehr Tage geben oder dem Tag mehr Leben verleihen? Wenn man von nachhaltiger Medizin spricht, so könnte man fast ins Philosophieren kommen. Worum soll es aber eigentlich in der Medizin gehen? Was brauchen wir in Zukunft, was muss nachhaltige Medizin für uns leisten? Das Thema ist so groß und umfangreich, dass wir die Fragen hier vermutlich nicht gänzlich beantworten können. Aber wir wollen versuchen, einige Stellen zu beleuchten.

Ziele in der nachhaltigen Medizin

Was soll das Ziel in der Medizin sein, wenn es um den Faktor Nachhaltigkeit geht? In einem Positionspapier der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) werden 3 Ziele definiert.

  1. Das erste Ziel ist ein guter Gesundheitszustand in der Bevölkerung. Hier geht es weniger um den Einzelnen, sondern um die Bevölkerung als Ganzes. Also z.B. um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Auch geht es darum, Mithilfe des Solidaritätsprinzips eine Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten. Ein wichtiger Baustein für die Gesunderhaltung der Bevölkerung ist auch die Wissensvermittlung. Nur gesundheitskompetente Menschen sind in der Lage selbst Verantwortung zu übernehmen und auf die eigene Gesundheit zu achten. 
  2. Das zweite Ziel ist eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung für alle. Jede und jeder darf sich darauf verlassen können, im Krankheitsfall behandelt, gepflegt und/oder betreut und beim Sterben würdevoll begleitet zu werden. Dabei stehen immer die Bedürfnisse und Anliegen der PatientInnen im Mittelpunkt und die Behandlung erfolgt evidenzbasiert. Das bedeutet, dass es bereits Erfahrungswerte gibt, auf die man zurückgreift.
  3. Das dritte Ziel ist der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen. Sowohl finanzielle, personelle als auch natürliche Ressourcen. Dieses Ziel zu erreichen, bedarf eines Wertewandels. Denn die Kehrseite des Solidaritätsprinzips im Gesundheitssystem ist, dass zu viele Menschen sich so verhalten, als wären die Ressourcen nicht begrenzt. Und das hat zur Folge, dass jeder seine eigenen Interessen über die der Allgemeinheit stellt.

Wie kann Nachhaltigkeit in der Medizin funktionieren?
Es beginnt wesentlich früher, als man denkt. Denn jedes Gesundheitssystem kommt erst dann zum Einsatz, wenn ein Mensch erkrankt. Sprich, je mehr wir dazu beitragen, dass es erst gar nicht zur Erkrankung kommt, umso mehr unterstützen wir indirekt eine nachhaltige Medizin. Auf der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz findet man eine Übersicht über die erfolgreichen Maßnahmen zur Förderung und Stärkung der Gesundheitskompetenz, mit dem Ziel, die Bevölkerung gesund zu erhalten. Um das Gesundheitssystem selbst nachhaltig zu gestalten, braucht es viele Hebel, an denen man gleichzeitig ansetzen muss. Das betrifft die Arbeitsbedingungen und Löhne genauso wie die Ausbildung von ÄrztInnen und Pflegefachkräften. Aber auch das Thema Digitalisierung und systematische Patientendatenerfassung zur Qualitätssicherung und Versorgungsforschung sind relevante Faktoren. Und da die Lebenserwartung immer mehr steigt, aber die gesunden Jahre nicht gleichermaßen mehr werden, braucht es auch Lösungen für eine alternde Gesellschaft. Einrichtungen, in denen es nicht primär darum geht, die vollständige Wiederherstellung des Gesundheitszustands zu erreichen, sondern vielmehr zur Stabilisierung der Lebensqualität.

Die wichtigste Nebensache als Erfolgsfaktor
Was bei all den vielen Facetten, die es zu berücksichtigen gibt, aber oft übersehen wird, ist der Faktor Zeit. Vieles steht und fällt genau damit. Die Zeit entscheidet oft über den Erfolg oder Misserfolg einer medizinischen Intervention. Es braucht für nahezu alles Zeit. Zeit, um Vertrauen aufzubauen und sich anzuvertrauen, um eine richtige Diagnose zu stellen und die Therapie passend zu wählen. Zeit, den Körper heilen zu lassen und um wieder zu Kräften zu kommen, um sich an neue Umstände zu gewöhnen. Zeit, um Dinge zu erforschen und zu entwickeln oder um das Unausweichliche zu akzeptieren. Die Zeit, die am Ende zu kurz wird, weil sie abgelaufen ist. Es ist also an der Zeit für uns alle zu erkennen, dass jedes Thema im Kontext von Nachhaltigkeit eine zeitliche Komponente hat, die ausschlaggebend ist. Und das liegt irgendwie auch im Kern aller Maßnahmen, denn es geht um die Zeit für die Generationen in der Zukunft, die wir mit all unseren Bemühungen heute schützen wollen.

Und hier schließt sich der Kreis zum Anfang des Artikels. Nachhaltige Medizin regt zum Philosophieren an… 

FotoCredits Foto: © pixabay.com

  Redaktion NUGNET.net

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